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Kastration beim Pferd: Techniken und Methoden im Vergleich

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Hengstkastration im Kurzüberblick

Neumeyer A. und Prochnow N.
Tierärztliche Klinik für Pferde Dr. Cronau, Nevelstr 71, 44795 Bochum

Die Kastration von Hengsten ist als elektiver Eingriff in Hinblick auf die Formung von Sozialverhalten und physischer Entwicklung von immerwährender klinischer Bedeutung. In erster Linie geht es dabei um die Unterdrückung des Sexualtriebes. Als Nebeneffekt wird das Aggressionsverhalten reduziert [Brinsko et al. 2011]. Die Beeinflussung beider Faktoren durch eine Kastration führt oftmals zu einer verbesserten Anpassung des Pferdes in der Weide- und Herdenhaltung und hat Auswirkung auf die physische Leistungsfähigkeit. Der gewählte Zeitpunkt der Kastration nimmt zudem Einfluss auf das Exterieur, was sich beispielsweise in einem weniger bemuskelten Hals abbildet .Außerdem wird das Größenwachstum durch die Kastration beeinflusst. Ohne die Wirkung des Testosterons schließen sich die Wachstumsfugen später und der früh kastrierte Hengst wird in der Regel größer [Brinsko et al. 2011].

Die Wahl der Kastrationsmethode sollte sorgfältig darauf ausgerichtet sein das Maß an Komplikationen (Blutungen, Wundheilungsstörungen, Wundinfektionen, Darmvorfall) bei gesichertem Kastrationserfolg so gering wie möglich zu halten [Dietz et al. 1990]. Neben der vollständigen klinischen Untersuchung, ist eine Abklärung der Anzahl der vorliegenden Hoden und der Ausschluss einer möglichen Cryptorchidie (Klopphengst) im Vorfeld des Eingriffs, Grundvoraussetzung für den Erfolg. Maßgebende Faktoren für die Entscheidung über eine Durchführung des Eingriffs am stehenden oder abgelegten Pferd sind Anamnese, Alter, Charaktereigenschaften und Sensibilität des Hengstes, sowie die klinischen Voraussetzungen.

Der Eingriff am stehenden Tier wird aufgrund der deutlich höheren Risiken für den Operateur und den Patienten zunehmend seltener durchgeführt und erfordert immer eine hinreichende Sedierung und pharmakologische Fixierung. Es wird empfohlen sowohl beim stehenden, als auch beim vollnarkotisierten abgelegten Hengst eine Lokalanästhesie der geplanten Einschnittbereiche jeder Seite und der intertestikulären Region durchzuführen [Portier et al. 2009]. Vorteil der Lokalanästhesie kann eine Reduzierung des Narkosemittelverbrauches sein.

Weiterhin gewährleistet die hinreichende Lokalanästhesie eine geringere Narkosetiefe und ist dadurch weniger kreislaufbelastend.
Die operative Vorbereitung der Zugangswege zu dem zu unterbrechenden Samenstrang kann anatomisch über drei Techniken ausgeführt werden:

  • bedeckt (bei Intakthaltung der Tunica vaginalis)
  • halbbedeckt (mittels Inzision der Tunica vaginalis unter Erhaltung des Lig. caudae epididymidis)
  • unbedeckt (mittels Inzision der Tunica vaginalis und Durchtrennung des Lig. caudae epididymidis).

Ausgangssituation für alle drei Techniken ist neben dem Hautschnitt das Einschneiden der Scrotalhaut.

Bei Verwendung der bedeckten Kastrationstechnik verbleiben der Hoden und Samenstrang in der Tunica vaginalis eingehüllt. Weiterhin werden Tunica vaginalis und Samenstrang nahe des äußeren Leistenringes mit einem geeigneten Emaskulator mechanisch unterbunden. Als Instrument der Wahl hat sich hierbei die Zange nach Sand zur Gewebequetschung in der Klinikroutine bewährt.

Während des Eingriffs befindet sich der Hengst in Rückenlage und der Operateur zwischen den Hinterbeinen des Pferdes. Nach steriler Vorbereitung des Operationsfeldes wird die Scrotalhaut etwa 1 cm seitlich der Raphe scroti eingeschnitten. Dabei wird darauf geachtet, dass der Hautschnitt möglichst klein bleibt. Anschließend erfolgt die stumpfe Präparation der Tunica dartos (Subcutis) bis auf die Tunica vaginalis. Der Testikel wird durch den Assistenten fixiert und angehoben, sodass der in der Tunica vaginalis eingehüllte Samenstrang unter leichten Zug gerät. In Abhängigkeit von der individuellen Anatomie wird die Zange nach Sand möglichst distal auf den Samenstrang gesetzt und verbleibt dort etwa eine Minute (Abb.: 1, I.). Im nächsten Schritt wird der Emaskulator gelöst, der Hoden um 180° gedreht (Abb.: 1, II.) und erneut an der gleichen Stelle für eine Minute gequetscht (Abb.: 1, III.). Nach Lösen der Zange erfolgt die Rückdrehung des Testikels um 180° (Abb.: 1, IV.). Nach Quetschung des Samenstranges muss unbedingt eine Ligatur erfolgen. Die Ligatur wird an der Quetschungsstelle mit resorbierbarem Nahtmaterial angelegt. In der hiesigen Klinik wird dazu Vicryl Plus (2) verwendet und mehrfach geknotet:
Zunächst auf der dem Operateur zugewandten Seite (Abb.: 1, V.); dann werden beide Fadenenden auf der dem Operateur abgewandten Seite des Samenstranges verknotet (Abb 1., VI.).

Um ein Abrutschen des Knotens und Blutungskomplikationen zu verhindern werden beide Fadenenden eine Fingerbreite proximal zur ligierten Quetschungsstelle erneut auf der dem Operateur zugewandten Seite verknotet (Abb.: 1., VII.). Die doppelte Ligatur mit Gewebebrücke beugt möglichen letalen Komplikationen durch Blutverlust aus der A. testicularis nach Absetzen des Testikels vor. Durch das bedeckte Verfahren bleibt die Bauchhöhle zu jedem Zeitpunkt der Operation geschlossen. Letztlich wird der Samenstrang zwei Finger oberhalb der Ligatur mit einem Emaskulator nach Haussmann (mit Quetsch- und Schneidefunktion) abgesetzt (Abb.: 1, VIII.). Der gleiche Vorgang wird auf der kontralateralen Seite durchgeführt. Die Samenstrangstümpfe werden auf Blutungen kontrolliert. Der Wundverschluss der Haut erfolgt mit resorbierbarem Nahtmaterial (hier: Monocryl 2-0) in fortlaufender Nahttechnik. Etwa in der Mitte der Wunde wird die Naht unterbrochen und eine neue fortlaufende Naht angelegt. Diese Unterbrechung hat den Vorteil, dass bei eventuell auftretenden post operativen Komplikationen nur ein Teil der Naht geöffnet werden kann/muss.

Traditionell wurde die Kastrationswundhöhle nach bedeckter Kastration zur sekundären Abheilung offen belassen. Technisch kann zwischen dem Verfahren mit sekundärer Heilung ohne Wundnaht [Wilson et al. 1996; Ensink und Klein, 1996] und Kastrationen mit primärem Wundverschluss via Naht [Plosz 1982; Merzerova et al. 2004] unterschieden werden. Unter klinischen Bedingungen wird der Wundverschluss aufgrund des schnelleren Abheilungsprozesses, geringerer Ödembildung und des geringerem Infektionsrisikos bevorzugt [Dietz, 1991]. Die Kombination aus bedeckter Kastrationstechnik am abgelegten Pferd unter Allgemeinanästhesie mit operativem Verschluss der Wundhöhle ist in der hiesigen Klinik stets die Methode der Wahl.

Der primäre operative Zugang zu Hoden und Samenleiter ist im Rahmen der halbbedeckten Kastrationstechnik mit dem der bedeckten Methode vergleichbar. Nach Darstellung von M. cremaster und Tunica vaginalis wird diese proximal zum Hoden über 2-3 cm eingeschnitten. Das Vorgehen ermöglicht eine Übersicht über den Inhalt der Tunica vaginalis. Auch hierbei werden anschließend mit dem Emaskulator Samenstrang und Tunica vaginalis proximal zum Hoden erfasst und mechanisch obliteriert. Studien belegen, dass die halbbedeckte Technik im Vergleich zur bedeckten Methode eine Höhere Komplikationsrate aufweist [Moll et al. 1995;
Kilcoyne et al. 2013], die mit der erhöhten Gewebemanipulation und längeren Operationsdauer in Verbindung gebracht wird. Außerdem birgt die zeitweise Öffnung der Bauchhöhle ein zusätzliches Komplikationsrisiko.

Bei der unbedeckten Kastration wird die Tunica vaginalis eingeschnitten und das Lig. caudae epididymidis (als Verbindung zwischen Tunica vaginalis und Epididymidis) durchtrennt. Mit einem Auftrennen der Falte zwischen Mesorchium und Mesofuniculum werden Hoden, Epididymidis und der distale Anteil des Samenleiters vollständig von der Tunica vaginalis befreit. Der Emaskulator kommt direkt auf dem unbedeckten Samenstrang zum Einsatz. Als Vorteil dieser Methode sind die gute Sicht auf den Samenstrang und eine geringere Eingriffsdauer hervorzuheben. Es überwiegen jedoch die Nachteile. Durch die offene Verbindung zur Bauchhöhle, steigt das Risiko für aufsteigende Infektionen und insbesondere einen Darmvorfall post operationem.

Alle drei oben beschriebenen Techniken sind in Vollnarkose durchführbar. In der hiesigen Klinik wird die bedeckte, geschlossene Kastration bevorzugt. Trotz der eingeschränkten Sicht und der möglicherweise größeren Wundschwellung aufgrund der vermehrten Manipulation, überwiegt der Vorteil des geringeren Risikos für aufsteigende Infektionen und Darmvorfälle. Im Gegensatz zur bedeckten und halbbedeckten Technik fordert das unbedeckte Verfahren weniger Gewebeschaden und wird ob der Sichtverhältnisse vorzugsweise bei Kastrationen am stehenden Hengst eingesetzt [Blaß und Brill 2000; Schneider 2006]. Die Wundhöhle wird jedoch bei der Stehendkastration nicht verschlossen. Außerdem ist das Anlegen einer Ligatur nahezu unmöglich. Aus diesen Gründen birgt die stehende Kastration ein deutlich höheres Risiko für Blutungen, Darmvorfälle und Arbeitsunfälle.

Abbildung 1

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Schematische Darstellung der Operationsschritte bei der bedeckt geschlossenen Kastration von Junghengsten: Hände und Hufe verdeutlichen die caudale Position des Operateurs am abgelegten, anästhesierten Hengst. Die grau gestrichelte Elipse zeigt den OP-Situs mit dem unter leichtem Zug (schwarzer Pfeil) gehaltenen Testikel und Samenstrang. I.

Die Zange nach Sand wird möglichst distal auf den Samenstrang gesetzt und verbleibt dort etwa eine Minute. II. Drehung des Hodens um 180°. III. Erneute Quetschung (grün) an der gleichen Stelle für eine Minute. IV. Rückdrehung des Testikels um 180°. Die Ligatur (blau) wird an der Quetschungsstelle mit resorbierbarem Nahtmaterial angelegt. V. Zunächst wird auf der dem Operateur zugewandten Seite verknotet; VI. dann beide Fadenenden auf der dem Operateur abgewandten Seite. VII. Um ein Abrutschen des Knotens zu verhindern werden beide Fadenenden eine Fingerbreite proximal zur ligierten Quetschungsstelle erneut auf der dem Operateur zugewandten Seite verknotet. VIII. Durchtrennen (rot) des Samenstranges mit einem Emaskulator nach Haussmann (mit Quetsch- und Schneidefunktion).
Literatur
BLASS, W., B. BRILL (2000)
Erfahrungen bei der Kastration des Hengstes im Stehen.
Prakt. Tierarzt 81, 926-930

BRINSKO Steven P. et al. (2011)
Manual of equine reproduction Third Edition 2011
DIETZ, O., G. KEHNSCHERPER, K. HAHN (1990)
Kastration des Hengstes und Ebers mit Resektion des Skrotums und Wundverschluß.
Mh. Vet.-Med. 45, 690-69

DIETZ, O, NAGEL, E. (1961)
Beitrag zur Kastration des Hengstes unter Klinikverhältnissen.
Berl. Münch. Tierärztl. Wschr. 74, 189-190

KILCOYNE I, Watson JL, Kass PH, Spier SJ.
Incidence, management, and outcome of complications of castration in equids: 324 cases (1998-2008).
J Am Vet Med Assoc. 2013 Mar 15;242(6):820-5

MEZEROVA, J., Z. KRUPIL, B. SCHILLOVA, Z. ZERT (2004)
Kastration des Hengstes – primäre Wundheilung und Komplikationen.
Prakt. Tierarzt 85, 28-36

MOLL, H. D., K. D. PELZER, R. S. PLEASANT, P. D. MODRANSKY, K. A. MAY (1995)
A Survey of Equine Castration Complications.
J. Equine Vet. Sci. 15, 522-526

PLOSZ, B. (1896)
Die Castration mit Heilung per primam.
Berl. Thierärztl. Wschr. 12, 135-141PORTIER KG1, Jaillardon L, Leece EA, Walsh CM.
Castration of horses under total intravenous anaesthesia: analgesic effects of lidocaine.
Vet Anaesth Analg. 2009 Mar;36(2):173-9

SCHNEIDER, J., (2006)
Sterilisation und Kastration des Hengstes, in: Dietz, O.
& Huskamp, B. (Eds.), Handbuch Pferdepraxis, 3. völlig bearbeitete
Auflage, Enke Verlag, Stuttgart, 567-572

WILSON DG, Hendrickson DA, Cooley AJ, Degrave-Madigan E.
Laparoscopic methods for castration of equids.
J Am Vet Med Assoc. 1996 Jul 1;209(1):112-4

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